Dr. Martin Korte ist Biologe und Professor für zelluläre Neurobiologie an der Technischen Universität Braunschweig. In seiner Forschung widmet er sich den zellulären Grundlagen von Lernen, Gedächtnis sowie dem Einfluss digitaler Medien auf das Gehirn. Für das Magazin der Stiftung Polytechnische Gesellschaft beleuchtet er, wie soziale Medien, Anerkennung, Zurückweisung und sozialer Vergleich auf das sich entwickelnde Gehirn Jugendlicher wirken.
Jugendliche wachsen heute in einer Welt auf, in der soziale Beziehungen, Anerkennung und Zurückweisung in Echtzeit auf dem Smartphone stattfinden. Doch was bedeutet es für ein Gehirn, das sich noch im Umbau befindet, wenn Akzeptanz in "Likes" gezählt und Ablehnung öffentlich sichtbar wird? Hierbei ist neurobiologisch das jugendliche Gehirn eine Entwicklungsstufe tiefgreifender neuronaler Reorganisation: Die weiße Substanz nimmt zu; neuronale Verbindungen werden so schneller und effizienter. Gleichzeitig werden neuronale Schaltpläne umgebaut, zum Teil werden Synapsen neu geschaltet, an anderer Stelle abgebaut. Überflüssige synaptische Verknüpfungen werden beseitigt und Netzwerke verschlankt und so die neuronale Informationsverarbeitung optimiert – gerade in Gehirnarealen des abstrakten Denkens, der Belohnungs- und Emotionskontrolle und des Planens.
Das Gehirn im Umbau
Mit bildgebenden Verfahren, welche die neuronale Aktivität im Gehirn sichtbar machen, konnten Fachleute zeigen, dass bestimmte Regionen im Gehirn von Jugendlichen besonders stark im Vergleich zu Erwachsenen-Gehirnen auf die Social-Media-Nutzung ansprechen. Besonders markante Unterschiede ließen sich hierbei in Gehirnregionen finden, die für soziale Kognition, Emotion und Selbstkontrolle zuständig sind: der mediale präfrontale Cortex (vereinfacht ausgedrückt zuständig für Selbstbezug und soziale Bewertung), der Übergang vom Schläfen- zum Scheitellappen (Perspektiven anderer Menschen erkennen), das ventrale Striatum (Belohnungsverarbeitung), die Insula (emotionale Intensität) und der anteriore cinguläre Cortex (Verarbeitung sozialer Zurückweisung und Normverletzungen). Weitere Studien zeigen, dass soziale Zurückweisung Aktivierungen im dorsalen anterioren cingulären Cortex und in der Insula auslösen – in Arealen also, die auch auf körperlichen Schmerz reagieren. Der "soziale Schmerz" ist keine bloße Metapher!
»Genau jene Systeme, die das ›soziale Gehirn‹ ausmachen, reagieren im digitalen Sozialraum stärker, als dies bei Erwachsenen der Fall ist.«
Ein anderer wichtiger Umstand ist, dass Jugendliche ihre Urteile stärker an Gruppenmeinungen anpassen als Erwachsene. Wenn die eigene Einschätzung von derjenigen der Peers abweicht, reagieren diese Areale deutlich stärker als bei Erwachsenen – gewissermaßen als Alarmanlage für Normabweichungen. Je stärker diese Aktivierung, desto wahrscheinlicher wird diese Situation als Ausgrenzung und soziale Ablehnung interpretiert. In Situationen sozialer Kränkung oder starker emotionaler Aktivierung bedeutet das: Die Impulse sind stark, die regulatorischen Bremsen noch nicht voll entwickelt. Jugendliche, die nach Zurückweisung mehr Aktivität im dorsolateralen präfrontalen Cortex zeigen, reagieren weniger aggressiv – ein Hinweis darauf, wie bedeutsam die Entwicklung dieser Kontrollsysteme ist. Kurz gesagt: Genau jene Systeme, die das "soziale Gehirn" ausmachen, reagieren im digitalen Sozialraum stärker, als dies bei Erwachsenen der Fall ist.
Eine besonders prägende Phase
Für psychologische Erkrankungen ist die Region, die soziale Zurückweisung und Normverletzungen verarbeitet, besonders relevant. Sie wird mit depressiver Symptomatik in Verbindung gebracht. Jugendliche mit belastenden sozialen Vorerfahrungen zeigen hier besonders starke Reaktionen – und zumindest als Korrelation besorgniserregend auch nach vielen Jahren der intensiven Social-Media-Nutzung. Die Empfindlichkeit gegenüber Zurückweisung ist gerade in der Zeit der Pubertät stark erhöht, neurobiologisch wie psychologisch.
Doch nicht nur Ablehnung, auch Zustimmung wirkt intensiv. Erhält ein Jugendlicher viele positive Rückmeldungen, springt das Belohnungssystem an. Im Zentrum steht die Region, die für Belohnungsverarbeitung zuständig ist. Diese Struktur reagiert auf Geld, angenehme Reize – und eben auch auf soziale Anerkennung. Bemerkenswert ist, dass die Aktivität dieses Belohnungssystems im Alter zwischen 14 und 17 Jahren ihren Höhepunkt erreicht. In Experimenten zeigten Jugendliche stärkere Reaktionen auf Bilder mit vielen "Likes" als auf solche mit wenigen. Die digitale Anerkennung wird damit zu einem neurobiologisch wirksamen Verstärker, der sich aber infolge intensiver Nutzung auch ins Gegenteil wandeln kann. Denn unter depressiven Jugendlichen fällt diese Belohnungsreaktion irgendwann aus – auch hier ist unklar, ob dies eine bloße Korrelation zur digitalen Mediennutzung ist oder ursächlich mit einer initialen Nutzung beziehungsweise Abnutzung zusammenhängt
Risiken und Chancen sozialer Medien
Ein zentrales Ergebnis der Forschung ist das Ungleichgewicht zwischen emotionaler Reaktivität und kognitiver Kontrolle bei jungen Menschen zwischen elf und 21 Jahren. Während Belohnungs- und Emotionssysteme in der Jugend besonders sensitiv sind, reift der dorsolaterale präfrontale Cortex, der für Impulskontrolle und damit für das Aufschieben von Belohnungen zuständig ist, erst im jungen Erwachsenenalter vollständig aus. Dies erschwert auch die Resilienz gegen Suchtverhalten, wobei Sucht hier verstanden wird als Kontrollverlust über den Konsum.
»Social-Media-Dienste treffen bei Jugendlichen auf eine Phase erhöhter sozialer Sensibilität. Das kann Risiken bergen – etwa bei sozialem Vergleich, Zurückweisung oder emotional aufgeladenen Inhalten. Es eröffnet aber auch Chancen für soziale Verbundenheit, für prosoziales Verhalten oder für das Erproben von Identität.«
Zusammengenommen bedeutet dies, dass Social-Media-Dienste bei Jugendlichen auf eine Phase erhöhter sozialer Sensibilität treffen. Das kann Risiken bergen – etwa bei sozialem Vergleich, Zurückweisung oder emotional aufgeladenen Inhalten. Es eröffnet aber auch Chancen für soziale Verbundenheit, für prosoziales Verhalten oder für das Erproben von Identität. Entscheidend ist, dass die Adoleszenz eine sensible Lebensphase ist – nicht, weil Jugendliche "unvernünftig" wären, sondern weil ihr Gehirn besonders empfänglich für soziale Rückmeldungen ist. In einer Welt, in der Anerkennung quantifiziert und Ablehnung öffentlich sichtbar wird, erhält diese neurobiologische Tatsache neue gesellschaftliche Brisanz. Die Forschung steht noch am Anfang. Doch eines wird deutlich: Wer über Jugendliche und soziale Medien spricht, sollte das Gehirn im Umbau mitdenken. Zwischen "Like" und Lebensphase liegt mehr als nur ein Wisch auf dem Bildschirm.
Neben suchtähnlichen-Mechanismen gibt es einen klaren Zusammenhang zwischen intensiver Social-Media-Nutzung und psychischen Problemen. Besonders betroffen sind depressive Symptome, Angststörungen und ein geringes Selbstwertgefühl. Ständiger sozialer Vergleich, der Druck zur Selbstdarstellung und die Angst, etwas zu verpassen ("Fear of Missing Out"), erhöhen den emotionalen Stress. Auch Cybermobbing verstärkt diese Belastungen. Mädchen scheinen besonders anfällig zu sein, da eine potentielle Vergleichbarkeit sich nicht nur auf soziale Treffpunkte wie den Pausenhof konzentriert, sondern über die Smartphone-Nutzung 24 Stunden am Tag quasi omnipräsent ist.
Alarmismus vs. Enthusiasmus
All das wird noch verstärkt durch gestörte Schlafrhythmen unter Teenagern: Viele Jugendliche nutzen ihr Smartphone bis spät in die Nacht. Das blaue Bildschirmlicht hemmt die Produktion des Schlafhormons Melatonin und verschiebt den natürlichen Schlafrhythmus. Chronischer Schlafmangel wiederum verschlechtert die emotionale Stabilität und kann zu Depressionen und Angststörungen führen. Ein Teufelskreis.
Auf der anderen Seite ist angesichts der vorhandenen, oft relativ kleinen Studien eine gewisse Skepsis angebracht. Noch sind viele Fragen offen. Viele Studien beruhen zudem auf Selbstauskünften und belegen vor allem besorgniserregende Korrelationen, nicht aber eindeutige Ursachen. So existiert bislang noch keine einheitliche medizinische Definition von "Social-Media-Sucht". Und man sollte auch weiter vorsichtig mit diesem unklaren Begriff operieren.
Vor allem müssen die Pole "digitaler Alarmismus" versus "digitaler Enthusiasmus" überwunden werden. Denn tatsächlich sind die obigen Aussagen aus Sicht der Hirnforschung abhängig davon, was wir an Bildschirmen tun, wie oft und in welchem Alter wir digitale Medien, das Internet und virtuelle Welten verwenden, oder ob wir dies im Multitasking-Modus tun, denn im hierbei schädigen wir unsere Aufmerksamkeitsysteme, haben ein schlechteres Gedächtnis und generieren unnötig Stress. Hier ist zu differenzieren.