In der digitalen Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen sind Medien allgegenwärtig - als Lern- und Kommunikationsmittel ebenso wie als Quelle von Unterhaltung, Meinungen und sozialen Interaktionen. Untersuchungen zeigen, dass Kinder ab etwa zehn Jahren häufig eigene Smartphones nutzen und Jugendliche medienintensiv unterwegs sind. Diese Allgegenwart macht die Entwicklung von Medienkompetenz zu einer zentralen Bildungsaufgabe für Familien und Bildungseinrichtungen. Die Stiftung hat in zahlreichen Programmen das Thema auf die Agenda gesetzt - und das schon seit Jahren.
Im Schnitt vier Stunden pro Tag verbringen Jugendliche im Alter von 12 bis 19 Jahren heute vor dem Smartphone oder Tablet, so die JIM-Studie 2024 (Jugend, Information, Medien) des Medienpädagogischen Forschungsverbunds Südwest (mpfs). Eine immense Zeit, die sich im Laufe eines jungen Lebens zu einer beachtlichen Bildschirmzeit aufsummiert - und durchaus negative Auswirkungen haben kann.
Kinder und Jugendliche sind aufgrund ihrer noch nicht vollständig ausgereiften kognitiven und emotionalen Kompetenzen besonders anfällig für negative Medienwirkungen: Fehlinformationen in Form von Falschmeldungen oder KI-generierten Inhalten, Cybermobbing oder manipulative Inhalte aus den Echo-Kammern der sozialen Netzwerke. Die Forschung zu Smartphone-Nutzung und den Auswirkungen von Social Media auf Teenager liefert zahlreiche Belege dafür, dass Konzentrationsfähigkeit und Impulskontrolle unter den häppchenweisen Inhalten leiden können.
Diese Erkenntnisse haben bereits politische Konsequenzen: In Australien ist Social Media erst ab 16 Jahren freigegeben. Das Vereinigte Königreich und Kanada erwägen einen ähnlichen Schritt zum Schutz seiner jungen Bürgerinnen und Bürger, und auch in Deutschland und anderen EU-Staaten wird diese Maßnahme intensiv diskutiert.
Einschränkungen oder Verbote sind eine mögliche Maßnahme im Umgang mit der Nutzung von Handys und Social Media. Die Stärkung der Medienkompetenz bei Jugendlichen und Eltern ist eine andere - und nachhaltigere. Denn dort, wo Aufgeklärtheit über die Risiken sozialer Netzwerke und die gesundheitlichen Gefahren herrscht, können der einzelne Mensch und das System Familie bewusster und achtsamer mit der Thematik umgehen.
Langzeitstudien wie „EU Kids Online" zeigen, dass Kinder, die aktiv und begleitet mit Medien lernen, eine höhere Resilienz aufbauen. Sie entwickeln seltener problematische Nutzungsformen und sind besser in der Lage, Inhalte kritisch zu hinterfragen. Der mpfs betont in seiner KIM-Studie (Kindheit, Internet, Medien), dass die Medienerziehung durch die Eltern der wichtigste Faktor für eine reflektierte Nutzung sei.
Medienkompetenz: die „Lese- und Schreibfähigkeit" des 21. Jahrhunderts
Medienkompetenz wird definiert als die Fähigkeit, Medien kritisch und reflektiert zu nutzen: Inhalte zu analysieren, zu bewerten, selbstbestimmt zu gestalten sowie verantwortungsvoll anzuwenden. Es geht nicht nur um die bloße Bedienung der Endgeräte, sondern auch darum, die Strukturen hinter den Informationen kognitiv und sozial-emotional zu verstehen. Kurz gesagt: Sie gilt als die „Lese- und Schreibfähigkeit" des 21. Jahrhunderts.
Ein Programm, in dem Medienbildung seit Jahren eine hohe Priorität genießt, ist das Diesterweg-Stipendium für Kinder und ihre Eltern. Das Thema ist bereits seit vielen Jahren im Diesterweg-Stipendium präsent, wurde jedoch seit der Corona-Pandemie und aufgrund neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse deutlich ausgebaut. Im Stipendiumsjahr 2025 zog sich der Komplex Medienbildung wie ein roter Faden durch den gesamten Verlauf.
Das Tablet, mit dem jede Familie durch den Partner Medienzentrum Frankfurt ausgestattet wurde, etablierte sich erfolgreich als zentrales Kommunikations-, Lern- und Arbeitsinstrument. Es ermöglichte den Diesterweg-Kindern die aktive Teilnahme an digitalen Angeboten wie dem Online-Schreibkurs Bildungssprache Deutsch, dem Stipendiums-Chat und digitalen Beratungsformaten. Durch eine strukturierte Einführung - beginnend mit Elternabenden und Eltern-Kind-Nachmittagen - wurde sichergestellt, dass sowohl Kinder als auch Eltern das Gerät sicher bedienen konnten und dessen Einsatz im familiären Alltag akzeptiert und begleitet wurde.
Besonders die Rolle der Eltern als unterstützende Medienbegleiter wurde gestärkt, etwa durch niedrigschwellige Beratungsangebote zu Themen wie nützliche Apps und KI im Mütter- bzw. Elterncafé.
Ein prägendes Element des Mediencurriculums waren die „Diesterweg-Reporter". In wechselnden Kleingruppen dokumentierten die Kinder Akademietage, Ferienkurse und Ausflüge mit Texten, Fotos sowie Audio- oder Videoaufnahmen. So entstanden über das Jahr hinweg kontinuierlich Medienprodukte, die nicht nur die Stipendiumsaktivitäten sichtbar machten, sondern zugleich zentrale Kompetenzen wie Recherche, Zusammenarbeit und Präsentation förderten.
Ein Höhepunkt war der Ferienkurs „Wir entdecken unsere Stadt", bei dem die Kinder mithilfe von Navigations-Apps recherchierten, Orte erkundeten und interaktive Medienbeiträge erstellten. Auch die Kreativwerkstatt Trickfilm im Rahmen des Zirkusprojekts stellte einen besonderen Akzent dar: Hier setzten sich die Teilnehmenden intensiv mit den Gestaltungsmitteln von Film auseinander und produzierten eigene kurze Trickfilme – ein Prozess, der Kreativität, Ausdauer und Teamarbeit sichtbar stärkte.
Mediencurriculum mit Fokus auf der verantwortungsvollen Mediennutzung
Darüber hinaus griff das Mediencurriculum gezielt Fragen der verantwortungsvollen Mediennutzung auf. Im Ferienkurs „Selbstbewusst digital" wurden Themen wie Datenschutz, Cybergewalt und der Einfluss von Medien auf die eigene Identitätsbildung altersgerecht behandelt und reflektiert. Die Kinder lernten, problematische Inhalte zu erkennen, Reaktionsmöglichkeiten zu entwickeln und Hilfsangebote kennenzulernen.
Über das gesamte Jahr hinweg wurden Kompetenzen aus allen Bereichen des Medienkompetenzrahmens NRW gefördert - vom sicheren Bedienen des Tablets über Informationskritik bis hin zum bewussten Umgang mit Social Media.
Insgesamt lässt sich festhalten, dass das Mediencurriculum nicht nur technische Fähigkeiten vermittelte, sondern Medienbildung als Bestandteil ganzheitlicher Bildungsförderung verstand: inklusiv, praxisnah und eng verknüpft mit den Lebenswelten der Kinder und ihrer Familien.
Da das Thema nicht nur in Frankfurt, sondern auch bei den anderen Standorten des Diesterweg-Stipendiums von hoher Relevanz ist, wurde beim Standorttag in Dortmund das Konzept der ganzheitlichen Medienbildung vorgestellt, wie es in Frankfurt erprobt wird. Der Standort Frankfurt bot darüber hinaus einen Workshop zur Konzeption eines Online-Elternabends zur Medienerziehung in der Familie an.
Doch nicht nur im Diesterweg-Stipendium spielt Medienbildung eine große Rolle. Egal ob der Deutschsommer, Junge Forscher, das Kolleg für junge Talente, Meine Zeitung oder das Digitechnikum: In all diesen Projekten werden Kinder und Jugendliche ermutigt, sich intensiv mit dem Thema auf verschiedenste Art und Weise auseinanderzusetzen. Die Bandbreite reicht - je nach Zielgruppe und Alter - von Expertenvorträgen über aktive Begleitung bis hin zum eigenen Erstellen von Soft- oder Hardware-Projekten.
Im Deutschsommer arbeiten die teilnehmenden Kinder nicht nur mit Tablets, auch nehmen sie im Nachfolgeprogramm Deutschsommer-Sterne unter anderem Podcasts auf. Dafür erstellen die Kinder nicht nur eine eigene Geschichte, sondern produzieren die Geräusche selbst. Anne Bachmann, stellvertretende Bereichsleiterin Bildungslandschaft und Sprachbildung, weiß um die Notwendigkeit, die junge Generation im Umgang mit digitalen Medien zu stärken: „Frankfurter Kinder bewegen sich ganz selbstverständlich in der digitalen Welt. Gerade dort sind Kompetenzen wie digitales Lesen, Schreiben, Recherchieren und Präsentieren gefragt, die für Kinder mit Sprachförderbedarf eine besondere Herausforderung darstellen können. Deshalb stärkt der Deutschsommer neben der Sprach- und Persönlichkeitsbildung auch gezielt die digitale Medienkompetenz. Die Kinder lernen Tablets als kreative Lernwerkzeuge zu nutzen und trainieren ihre digitale Sprach- und Recherchekompetenz. Digitale Medien unterstützen außerdem dabei, dass die Kinder differenziert im Programm lernen und ihre Ergebnisse präsentieren können.“
»Wer die digitale Welt mitgestalten will, muss sie begreifen.«
Ein Ansatz, den auch die Jungen Forscher im Bereich Wissenschaft, Technik, Berufliche Bildung verfolgen, wie Bereichsleiterin Stefanie Pomplun erläutert: „Unser Ziel ist es, Kinder frühzeitig zu befähigen, digitale Technologien nicht nur zu nutzen, sondern zu verstehen und kritisch einzuordnen. Denn wer die digitale Welt mitgestalten will, muss sie begreifen. Genau dazu möchten wir als Stiftung einen Beitrag leisten.“
Auch im Förderbereich der Stiftung spielt Medienbildung und -kompetenz eine wichtige Rolle. Im Jahr 2026 werden unter dem Dach der Förderlinie Psychische Gesundheit Projekte finanziell unterstützt, die gezielt Social Media, Medienkompetenz und psychische Gesundheit als Kernthema besetzen. Ziel ist es, gemeinnützige Träger dabei zu unterstützen, Kinder und Jugendliche in Frankfurt am Main zu einem kompetenten und gesunden Umgang mit sozialen Medien zu befähigen. Zugleich sollen Eltern, Familien sowie pädagogische Fachkräfte in ihrer Rolle als Bezugspersonen und Vorbilder gestärkt werden. Ein Fokus, der nötig ist, wie Dr. Christina Braun aus dem Förderbereich betont: „Medienbildung ist für die Förderlinie entscheidend, weil sie junge Menschen stärkt oder befähigt, soziale Medien kompetent, reflektiert und gesund zu nutzen - und weil ein bewusster Umgang mit Social Media nur gelingt, wenn auch Eltern, Familien und pädagogische Fachkräfte als wichtige Bezugspersonen mitgedacht und gestärkt werden.“