20 Jahre Stiftung Polytechnische Gesellschaft

Aus Verantwortung geboren

20. November 2025, von Jens-Ekkehard Bernerth

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Aus dem Erlös des Verkaufs der Frankfurter Sparkasse 1822 wurde 2005 die Stiftung Polytechnische Gesellschaft gegründet. Wie es dazu kam, erläutert dieser ausführliche Rückblick auf die Anfangstage der Stiftung.

Im Jahr 2004 beherrschte ein vollkommen neues Thema das Vereinsleben der Polytechnischen Gesellschaft. Zur Überraschung vieler Mitglieder schlug der damalige Präsident, Prof. Dr. Hans-Jürgen Hellwig, vor, die Frankfurter Sparkasse 1822, das älteste und wirtschaftlich bedeutendste Tochterinstitut der Polytechniker, zu verkaufen. Der Erlös sollte zur Pflege des Gemeinwohls in der Stadt eingesetzt werden. Diese Initiative rief jedoch bei den privaten Mitgliedern des wirtschaftlichen Vereins Frankfurter Sparkasse, auf die 60 % der Stimmrechte entfielen, breite Ablehnung hervor. Bei den turnusmäßigen Wahlen zum Vorstand der Polytechnischen Gesellschaft wurde daher der Naturwissenschaftler und ehemalige Präsident der Goethe-Universität, Prof. Dr. Klaus Ring, zum neuen Präsidenten gewählt. Er hatte mit dem Ziel für die Präsidentschaft kandidiert, die Sparkasse als Tochterinstitut für die Polytechnische Gesellschaft zu erhalten.

Nach einer eingehenden Analyse des Status quo der Sparkasse musste Ring jedoch die Einschätzung der mandatierten Gutachter anerkennen, dass eine unveränderte Weiterführung des Instituts mit erheblichen Risiken für die Polytechnische Gesellschaft hätte verbunden sein können. Zudem zeigte sich inzwischen auch die Stadt Frankfurt am Main, die vierzig Prozent der Stimmrechte im wirtschaftlichen Verein Frankfurter Sparkasse hielt, offen für einen Verkauf. Als Konsequenz machte sich Ring daran, die persönlichen Mitglieder des Vereins von der Notwendigkeit des Verkaufs der Sparkasse zu überzeugen. Und das mit großem – und wie wir heute wissen – nachhaltigem Erfolg.

Über die positiven Auswirkungen eines Verkaufs sagte Ring dazu in der FAZ vom 17. Mai 2005: "Damit wird die Polytechnische Gesellschaft in die Lage versetzt, ihren traditionellen, dem Gemeinwohl verpflichteten Aufgaben in der Region mit der besten Finanzausstattung in ihrer Geschichte nachzukommen." Nach vielen Gesprächen stimmten die Polytechnikerinnen und Polytechniker schließlich am 14. Juli 2005 dem Verkauf der Frankfurter Sparkasse 1822 an die Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba) zu. Vom Verkaufserlös in Höhe von insgesamt 725 Millionen Euro gingen gemäß den Stimmrechten bei der Sparkasse 435 Millionen an die Polytechnische Gesellschaft, 290 Millionen Euro erhielt die Stadt Frankfurt. Die Polytechnische wiederum brachte davon in einem ersten Schritt 320 Millionen Euro in die neu errichtete Stiftung ein; im Frühjahr 2007 sollte eine weitere Zustiftung durch den Verein in Höhe von 77 Millionen Euro folgen, wodurch das Stiftungskapital auf insgesamt 397 Millionen Euro wuchs. Es war nicht die erste Gründung, die der Verein auf den Weg brachte. Seit 1816 wurden immer wieder Institutionen, Stiftungen und Vereine in Frankfurt für Frankfurt gegründet. Unter anderem die Frankfurter Stiftung für Blinde und Sehbehinderte, die es seit 1837 gibt, den Kunstgewerbeverein Frankfurt am Main, der 1877 ins Leben gerufen wurde, oder die Wöhlerschule, die 1870 etabliert wurde.

»Wichtiges unterstützen, Neues erproben, Anstöße geben und Bürgern und Stadt helfen.« PROF. DR. KLAUS RING ÜBER DIE HISTORISCHE TRADITION DER POLYTECHNISCHEN GESELLSCHAFT ALS FUNDAMENT FÜR DEN ZWECK DER IM JAHR 2005 NEU GEGRÜNDETEN STIFTUNG.

Am 13. Oktober 2005 hatte die Mitgliederversammlung die Errichtung der "Stiftung Polytechnische Gesellschaft" mit nur einer Gegenstimme beschlossen. Als Konsequenz erhielt Klaus Ring in den darauffolgenden Tagen "bergeweise Post", wie in der FAZ vom 15. Oktober 2005 zu lesen war, darunter viele Spendengesuche. Das Konzept, das Ring erarbeitet hatte, hatte die Polytechniker letzten Endes überzeugt: Die Stiftung sollte ausschließlich in Frankfurt wirken, Breiten- und Spitzenförderung in den Bereichen Bildung, Wissenschaft, Kultur und Soziales betreiben, und die Polytechnikerinnen und Polytechniker sollten die Möglichkeit erhalten, durch das Bekleiden von Ämtern und Positionen innerhalb der Stiftung mitwirken zu können.

Doch bis die Stiftung ihre Geschäfte aufnehmen und es zu der Eintragung ins Goldene Buch der Stiftungen der Stadt Frankfurt kommen konnte, musste viel Basisarbeit verrichtet werden. Entscheidend dafür waren neben Klaus Ring noch Prof. Dr. Roland Kaehlbrandt und Johann-Peter Krommer. Kaehlbrandt übernahm im Vorstand die Verantwortung für Projekte und Kommunikation. Krommer war für Finanzen, Personal und Organisation zuständig. Er arbeitete seinerzeit als Leiter des Vorstandssekretariats bei der Sparkasse, Roland Kaehlbrandt konnte bereits umfangreiche Erfahrung in der Stiftungsarbeit durch seine vorherigen Tätigkeiten bei der Stiftung Maison Heinrich Heine, der Bertelsmann Stiftung sowie der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung einbringen. Gemeinsam etablierten sie die Grundstrukturen. "Ich war damals in viele Vorgänge eingebunden. So wurde ich schnell zum Vertrauten von Prof. Ring und habe ihn nach besten Kräften unterstützt", erinnert sich Johann-Peter Krommer im Gespräch. Für Krommer war es ein Sprung ins kalte Wasser, gleichzeitig jedoch eine immense Chance: "Beim Aufbau einer Stiftung von Grund auf mitwirken und gestalten zu dürfen, das wollte ich dann doch gerne machen", so der frühere Finanzvorstand, der 2023 aus dem Arbeitsleben ausschied.

Es folgten viele Treffen in den Räumlichkeiten der Sparkasse, die gleichzeitig den Geschäftsstellen der Polytechnischen Gesellschaft sowie des Kuratoriums Kulturelles Frankfurt Räumlichkeiten zur Verfügung stellte. Pläne wurden geschmiedet, Stiftungsdokumente vorbereitet, neue Räumlichkeiten gesucht. Am 24. November 2005 erteilte das Regierungspräsidium Darmstadt als Aufsichtsbehörde seine Zustimmung zur Errichtung der Stiftung. Wenige Tage danach konstituierte sich im Dezember 2005 der (vorläufige) Stiftungsrat, der das Vorstandsteam mit Klaus Ring als Vorsitzendem, Roland Kaehlbrandt und Johann-Peter Krommer in Amt und Würden setzte. In den ersten Stiftungsrat, das Kontrollgremium der Stiftung, wurden die Verlegerin Dr. Henriette Kramer, die gleichzeitig auch Vize-Präsidentin der Polytechnischen Gesellschaft war, Erika Pfreundschuh, Direktorin des St.-Katharinen- und Weißfrauenstifts, der Städel-Direktor Prof. Dr. Herbert Beck sowie der Bankmanager Dr. Paul Wieandt berufen.

Über den Kontakt von Klaus Ring zu Prof. Carlo Giersch fand die Stiftung im Frühjahr 2006 ein erstes Zuhause am Schaumainkai 91 und zog am 1. April ans Sachsenhäuser Mainufer. Damit hatte die Stiftung zwar ein Dach über dem Kopf, ansonsten waren die Büroräume leer. "Es musste alles kurzfristig organisiert werden, um einen funktionierenden Bürobetrieb ins Laufen zu bekommen", erinnert sich Johann-Peter Krommer, "von der Telefonanlage über eine erste EDV-Ausstattung bis hin zu kunterbunt zusammengestellten, zunächst nur gemieteten Büromöbeln. Am zweiten Arbeitstag haben wir in einem Großeinkauf erst einmal Büromaterial eingekauft. Diese Zeit war von einer besonderen Atmosphäre geprägt, wie es sie wohl nur bei einer Neugründung geben kann."

Davon unbeirrt und voller Tatendrang machte sich das Vorstandsteam auch inhaltlich an die Arbeit. Das Vermögensmanagement wurde im selben Jahr etabliert, die Projektstrategie entwickelt und erste Projekte umgesetzt, Grundlagentexte erarbeitet, die ersten Mitarbeiterinnen eingestellt. Ein erster großer Meilenstein für die junge Stiftung war die Präsentation der Stiftungsstrategie, der Förderrichtlinie sowie des Stiftungsprofils. Diese drei Grundlagendokumente wurden am 3. August 2006 zunächst den Polytechnikerinnen und Polytechnikern bei der ersten Stifterversammlung präsentiert, im Anschluss am 4. August der breiten Öffentlichkeit im Rahmen einer Pressekonferenz vorgestellt. Gleichzeitig trat die Stiftung Polytechnische Gesellschaft bereits in diesem Jahr der Initiative Frankfurter Stiftungen sowie dem Bundesverband Deutscher Stiftungen bei.

"Es war eine erfüllende Zeit", erinnerte sich Roland Kaehlbrandt in seinem Abschiedsinterview im Tätigkeitsbericht 2022: "Ein polytechnischer Merksatz lautet: Die Tugend besteht im Handeln. Und handeln wollten und konnten wir!"

Zur Eintragung ins Goldene Buch der Stiftungen der Stadt Frankfurt im Römer im November 2006 wurde der Kaisersaal zur Verfügung gestellt, eine Besonderheit, wie die damalige Oberbürgermeisterin Petra Roth in ihrem Grußwort betonte: "Das machen wir nur für ganz große Stiftungen." Die Stiftungsurkunde wurde vom Regierungspräsidenten Gerold Dieke öffentlich ausgehändigt.

"Eine Chance für Frankfurt" titelte der erste Tätigkeitsbericht, der für das Jahr 2006 veröffentlicht wurde, in dem als eine der ersten großen Förderungen die museologische Erneuerung der Historischen Villa Metzler unterstützt wurde. Ferner wurden mit den „Stadtteil-Botschaftern“ und dem „Deutschsommer“ erste operative Programme ins Leben gerufen, 2007 gesellten sich die "Stadtteil-Historiker" sowie in Kooperation mit der Frankfurter Allgemeine Zeitung "Meine Zeitung" als weitere Programme hinzu, die es heute noch gibt und die ein Musterbeispiel dafür sind, wie die Stiftung nach wie vor arbeitet: Bedarfe identifizieren, Maßnahmen etablieren, und so der Stadtgesellschaft etwas zurückgeben. Dabei erwies sich der Fokus auf Frankfurt als korrekte, jedoch nicht limitierende Entscheidung: „Bei der Stiftungsgründung gab es durchaus Diskussionen über die Frage, ob die Stiftung nur in Frankfurt oder auch im Rhein-Main-Gebiet tätig sein sollte“, so Roland Kaehlbrandt. „Die satzungsgemäße Fokussierung auf Frankfurt erwies sich aber als richtig. Denn das, was wir modellhaft in und für Frankfurt entwickelten, konnte sich durch die Kraft der Ideen, durch die einfache Nützlichkeit der Projekte, ins Umland und darüber hinaus verbreiten: Transferprojekte wie der Deutschsommer, das Diesterweg-Stipendium für Kinder und ihre Eltern oder auch die Stadtteil-Historiker. Von Anfang an konnten wir nützliche und übertragbare Formate entwickeln. Unsere Kommunikation war klar und verständlich. Und so kamen Kommunen, Stiftungen und andere Träger auf uns zu und übernahmen Formate unserer Projektschmiede. Von der Klugheit unserer Partner haben freilich auch wir profitiert. Eine Wechselwirkung mit der Folge wachsender praktischer Projekt-Intelligenz – sehr polytechnisch!“

2008 zog sich Klaus Ring von der Spitze der Stiftung zurück, Roland Kaehlbrandt wurde zum Vorstandsvorsitzenden gewählt und bekleidete dieses Amt bis 2022. Ring selbst war noch bis zum November 2014 Vorsitzender des Stiftungsrates und Präsident der Polytechnischen Gesellschaft, bevor er sich in den wohlverdienten Ruhestand begab. Er tat dies mit dem Wissen, dass unter seiner Führung eine Stiftung ins Leben gerufen wurde, die mittlerweile unverzichtbar für Frankfurt geworden ist, weil sie sich dort engagiert, wo es fehlt und nützt.