Lesen ist eine der wichtigsten Kulturtechniken und zugleich stärker im Wandel als je zuvor. Digitale und soziale Medien, Podcasts und künstliche Intelligenz verändern, wie wir Texte konsumieren, nutzen und verstehen. Der Bildungspsychologe Prof. Dr. Andreas Gold erforscht seit mehr als zwei Jahrzehnten, wie Menschen lesen lernen und welche Kompetenzen sie dafür brauchen. Im Interview erklärt er, warum Lesekompetenz auch im digitalen Zeitalter unverzichtbar bleibt und weshalb sie eine zentrale Voraussetzung für gesellschaftlichen Zusammenhalt ist.
Stiftung Polytechnische Gesellschaft: Herr Professor Gold, wie lernt man eigentlich lesen?
Prof. Dr. Andreas Gold: Lesen kann – und muss – man tatsächlich lernen. Als Kulturtechnik und als Fähigkeit, sich in einer schriftlichen Welt zu bewegen, ist Lesen absolut lebensnotwendig. Die Forschung weiß ziemlich genau, wie der Leseprozess funktioniert. Lesen beginnt gewissermaßen schon mit dem Sprechen. Die grundlegenden Voraussetzungen werden in den ersten Lebensjahren gelegt. Dass man die gesprochene Sprache beherrscht, ist die wichtigste Voraussetzung für das Erlernen der Schriftsprache.
Anders als beim Sprechen funktioniert Lesenlernen allerdings nicht beiläufig, wie es etwa beim Erwerb der gesprochenen Sprache der Fall ist. Lesen lernt man nicht dadurch, dass man anderen beim Lesen zusieht. Dafür braucht es gezielte Anleitung. Evolutionsbiologisch ist Lesen für uns Menschen eigentlich gar nicht vorgesehen. Lesen ist eine vergleichsweise junge Kulturtechnik, es gibt sie seit etwa 6.000 Jahren. Das Lesen müssen wir uns mühsam aneignen.
SPTG: Würden Sie sagen, dass diese Frage das zentrale Thema Ihrer wissenschaftlichen Arbeit ist?
Prof. Gold: Im Grunde ja. Seit etwa 25 Jahren beschäftige ich mich intensiv mit Leseforschung. Ich bin Psychologe und Kognitionsforscher und komme ursprünglich aus der Gedächtnisforschung. Irgendwann habe ich mich dann stärker auf das Lesen konzentriert. In den letzten Jahren vor allem auf digitales Lesen, also Lesen am Bildschirm.
Inzwischen beschäftigt mich aber auch die Frage, ob das Lesen insgesamt durch eine neue Form von Mündlichkeit unter Druck gerät. Noch vor wenigen Jahren wurde viel darüber diskutiert, ob das Bildschirmlesen unsere Lesefähigkeit beeinträchtigt. Heute stellt sich zusätzlich die Frage, ob Lesen generell verdrängt werden könnte – durch eine "neue Oralität" wie sie durch Podcasts, Hörbücher oder das automatische Vorlesenlassen von Texten wie Zeitungsartikeln gebräuchlich ist. KI-Stimmen nehmen uns die Lesearbeit ab – Maschinen lesen für uns. Aber man sieht das auch im Alltag: Ich schreibe meiner Tochter eine Textnachricht und bekomme eine Sprachnachricht zurück. Das ist längst keine Ausnahme mehr.
Lesen im Zeitalter einer neuen Mündlichkeit
SPTG: Wie bewerten Sie diese Entwicklung aus Perspektive der Bildungsforschung?
Prof. Gold: Ich versuche grundsätzlich, zunächst das Positive zu sehen. Ich gehöre nicht zu denen, die sofort vom kulturellen Niedergang sprechen. Ich würde nicht sagen, dass Hören das Lesen vollständig ersetzen kann. Aber es wird so sein, dass es das Lesen ergänzt und teilweise verdrängt. Audiobooks bringen ganz neue Möglichkeiten mit sich – aber auch Herausforderungen.
Beim Hören zum Beispiel ist es schwieriger als beim Lesen, gezielt zurückzuspringen und eine Stelle noch einmal zu hören. Außerdem hören wir meist nur nebenbei. Viele Menschen hören Podcasts und Audiobooks beim Sport, beim Putzen, beim Kochen oder im Auto. Das Hören ist also oft gar nicht die primäre Tätigkeit. Kein Wunder, dass dann häufig weniger hängen bleibt, als wenn man einen Text konzentriert liest. Wenn ich ein Buch lese, kann ich nebenbei nicht Auto fahren. Lesen verlangt Aufmerksamkeit, Anstrengung und Konzentration. Hören bietet viele Vorteile, ist aber eben auch mit Einschränkungen verbunden.
SPTG: Wofür eignet sich digitales Lesen besonders gut – und wofür analoges?
Prof. Gold: Digitales Lesen eignet sich hervorragend, um schnell Informationen zu suchen und zu finden. Für die Recherche gibt es eigentlich keinen Grund, nicht am Bildschirm zu arbeiten. Dafür braucht man allerdings bestimmte Kompetenzen: etwa gute Suchstrategien und die Fähigkeit, Quellen kritisch einzuschätzen. Auch für Belletristik spricht nichts dagegen, sie auf einem E-Reader zu lesen. Romane oder Krimis werden dort genauso gut verstanden wie auf Papier.
Schwieriger wird es bei längeren oder komplexeren Sachtexten. Anspruchsvolle Texte sollte man eher auf Papier lesen. Auf Papier nimmt man die Lesearbeit häufig ernster, arbeitet sorgfältiger und setzt eher Lesestrategien ein. Das Bildschirmlesen ist nicht grundsätzlich schlechter. Aber man muss sich aktiv bemühen, damit die sogenannte "Bildschirmunterlegenheit" nicht zum Tragen kommt: Am Bildschirm sind wir schneller mit einem Text fertig. Das hat seinen Preis: Weniger Lesezeit bedeutet meist auch weniger Verständnis.
SPTG: Spielt dabei auch die Materialität eine Rolle? Also, dass ein Bildschirm im Gegensatz zu Papier aufrecht steht und Licht abstrahlt?
Prof. Gold: Diese Faktoren spielen eine Rolle, aber eine geringere, als man denkt. Entscheidender ist etwas anderes: Beim Lesen am Bildschirm gehen wir oft mit einer anderen Haltung, mit einem anderen Mindset, an den Text heran. Eher schnell, informatorisch, oberflächlich. Der Bildschirm scheint einen oberflächlich-seichten Lesemodus zu triggern. Beim Papierbuch ist die Erwartung dagegen oft: "Jetzt kommt etwas Anspruchsvolles, jetzt muss ich mich konzentrieren." Dieser "Deep-Reading-Modus" ist beim Papier gewissermaßen voreingestellt.
Üben, üben, üben:
Lesespaß folgt aus Lesekompetenz
SPTG: Welche Fähigkeiten machen aus Ihrer Sicht kompetente Leserinnen und Leser aus?
Prof. Gold: Eine zentrale Grundlage ist zunächst einmal das flüssige Lesen. Viele Kinder erreichen diese Fähigkeit etwa im Alter von neun oder zehn Jahren. Das ist ein entscheidender Punkt, denn solange Lesen sehr mühsam ist, macht es schlicht keinen Spaß. Wer sich Wort für Wort durch einen Text kämpfen muss, erlebt keinen Lesegenuss und liest deshalb auch nicht freiwillig. Wer aber nicht zusätzlich zum Unterricht viel liest, wird nie ein guter Leser werden.
Flüssiges Lesen bedeutet, dass die meisten Wörter sofort erkannt werden. Wenn das gelingt, wird Lesen deutlich angenehmer und es entsteht eine positive Dynamik: Wer Freude am Lesen hat, liest mehr – und wer mehr liest, verbessert wiederum seine Lesekompetenz.
Entscheidend ist auch, dass Leserinnen und Leser Informationen aus Texten entnehmen, Inhalte zusammenfassen und über Texte sprechen können. Dafür braucht es Lesestrategien. Dazu gehört zum Beispiel, wichtige Stellen zu markieren, Inhalte mit eigenen Worten zusammenzufassen oder unbekannte Wörter gezielt zu klären.
SPTG: Zusammenfassen, erklären, priorisieren… das können uns KI-Chatbots inzwischen abnehmen. Verändert das gerade unsere Art zu lesen und zu verstehen?
Prof. Gold: Ich beobachte diese Entwicklung mit großem Interesse und auch mit Spannung. Generative KI kann tatsächlich nicht nur beim Schreiben helfen, sondern auch beim Lesen. Man kann einen Text hochladen, ihn automatisch zusammenfassen lassen oder gezielt Fragen dazu stellen. Die Antworten sind oft durchaus brauchbar. Das kann sehr hilfreich sein – vor allem dann, wenn man die richtigen Fragen gestellt hat und bereits über genügend Vorwissen verfügt, um die Qualität der Antworten beurteilen zu können.
»Wenn wir die Fähigkeit, in einem Text selbst die wichtigsten Informationen zu finden, dauerhaft an Maschinen delegieren, verlieren wir diese Fähigkeit langfristig. Für jemanden, der diese Kompetenz bereits besitzt, kann KI eine prima Abkürzung sein. Für jemanden, der sie noch nicht entwickelt hat, kommt der Verzicht auf einen notwendigen Lernprozess teuer zu stehen.«
Problematisch wird es allerdings, wenn solche Werkzeuge die menschlichen Lernprozesse ersetzen. In der Forschung spricht man hier von "Skill Skipping", also davon, dass bestimmte Kompetenzen ausgelagert oder übersprungen werden. Wenn wir die Fähigkeit, in einem Text selbst die wichtigsten Informationen zu finden, dauerhaft an Maschinen delegieren, verlieren wir diese Fähigkeit langfristig. Für jemanden, der diese Kompetenz bereits besitzt, kann KI eine prima Abkürzung sein. Für jemanden, der sie noch nicht entwickelt hat, kommt der Verzicht auf einen notwendigen Lernprozess teuer zu stehen.
Das ist vergleichbar mit der Nutzung von Navigationsgeräten: Sie sind sehr praktisch, aber wer sich nur noch darauf verlässt, kann bald keine Karten mehr lesen.
SPTG: Da fühle ich mich angesprochen. Ich kann Karten zwar lesen, aber im Alltag nutze ich nur die Navigations-App.
Prof. Gold: Genau, und das ist auch völlig verständlich. Solche Technologien sind große Erleichterungen. Beim Erwerb von Kompetenzen kann man manches durchaus überspringen, und die eingesparten Ressourcen für den Erwerb anderer Fertigkeiten nutzen. Aber man sollte sich darüber im Klaren sein, dass ausgelagerte Kompetenzen später möglicherweise nicht mehr zur Verfügung stehen. Das kann problematisch werden, wenn die Navi-Technik einmal ausfällt.
SPTG: Könnte es sein, dass manche dieser Fähigkeiten irgendwann einfach technisch überholt sind? Oder sind wir auf Lese- und Textverständnis auch in Zukunft angewiesen, gerade im digitalen Raum?
Prof. Gold: Diese Frage der "neuen Oralität" beschäftigt mich sehr. Dahinter steht die Vorstellung, dass Lesen und Schreiben zunehmend an Bedeutung verlieren könnten, weil schriftsprachliche Inhalte immer häufiger in gesprochener Form vermittelt werden. In diesem Szenario würden Bücher oder komplexe Texte von Expertinnen und Experten in Podcasts oder leicht verständliche Zusammenfassungen übersetzt. Die meisten Menschen müssten dann gar nicht mehr selbst lesen, sondern würden nur noch zuhören. Das schafft allerdings auch eine starke Abhängigkeit von denjenigen, die Inhalte für die "Nicht-mehr-Leser" aufbereiten und interpretieren.
Der Wert des Lesens in einer digitalen Welt
SPTG: Gerade junge Menschen begegnen Nachrichten heute hauptsächlich digital bzw. online. Welche Kompetenzen brauchen sie, um Informationen einordnen und bewerten zu können?
Prof. Gold: Eine zentrale Kompetenz ist zunächst, die Seriosität von Quellen einzuschätzen. Also: Wer bietet mir diese Information an, und wie zuverlässig ist sie? Die zweite Frage ist: Warum wird mir diese Information überhaupt angezeigt? Wie funktionieren die Mechanismen, die Inhalte für mich auswählen und ausspielen?
Lesen auf Social Media ist eigentlich gar kein Lesen im klassischen Sinn. Gezeigt werden kurze Textschnipsel, oft mit starken Bildanteilen. Das fördert keine Lesekompetenz im eigentlichen Sinne. Das ist eher Kommunikationskompetenz. Lesekompetenz entsteht durch das kognitive Verarbeiten längerer Texte und komplexer Informationen.
SPTG: Genau darauf setzt auch das Programm "Meine Zeitung – Frankfurter Schulen lesen die F.A.Z.", in dem Jugendliche mit aktuellen, authentischen journalistischen Texten arbeiten – digital oder in der gedruckten Zeitung. Was halten Sie aus bildungspsychologischer Sicht von diesem Ansatz?
Prof. Gold: In diesem Programm werden Lehrkräfte dabei unterstützt, ihren Schülerinnen und Schülern Lesestrategien zu vermitteln, die man für das Lesen journalistischer Texte braucht. Zum Beispiel: Wie erkenne ich zentrale Aussagen? Wie finde ich wichtige Informationen? Wie gehe ich mit unbekannten Begriffen um? Wenn es gelingt, die Programmarbeit in das einzubinden, was ohnehin im Unterricht behandelt wird, entfaltet sie ihr volles Potenzial. Authentische Texte sind dafür ideal. Die F.A.Z.-Texte sind tagesaktuell. Wenn die Zeitung – wie es hier der Fall ist – zudem digital zur Verfügung steht, ist das umso sinnvoller, weil man damit noch näher an der Lebenswirklichkeit der Jugendlichen ist.
SPTG: Welche Rolle spielen aus Ihrer Sicht zivilgesellschaftliche Organisationen bei der Förderung von Lese-, Medien- und Nachrichtenkompetenz?
Prof. Gold: Eine sehr große Rolle. Lesekompetenz und der kritische Umgang mit Medien sind letztlich gesellschaftliche Kompetenzen. Beides zusammen ist eine Gemeinschaftsaufgabe: gut lesen zu können und gleichzeitig Medien reflektiert zu nutzen. Das kann die Schule allein nicht leisten.
Deshalb sind Programme und Initiativen aus der Zivilgesellschaft sehr wichtig. Sie ergänzen das, was Schulen leisten können. Kinder verbringen den größten Teil ihrer Zeit nicht in der Schule. Wenn man Eltern und Geschwister einbezieht, entstehen ganz andere Möglichkeiten der Förderung.
SPTG: Zum Abschluss eine Anekdote: Ich bin einmal auf ein Video gestoßen, in dem jemand den Wert des Lesens so beschrieben hat: "Wenn wir ein Buch lesen – egal ob Sachbuch oder Roman – beschäftigen wir uns mit einem Werk, in das ein Mensch oft Jahre seines Lebens investiert hat. Am Ende stehen vielleicht 180 Seiten, in denen dieses Wissen und diese Gedanken kondensiert sind." Eigentlich ist es ein großes Privileg, dass wir darauf zugreifen können.
Prof. Gold: Genau. Und die Frage, ob wir dieses Privileg aus der Hand geben, weil wir meinen, selbst gar nicht mehr lesen zu müssen, das beschäftigt mich sehr. Vor einigen Jahren habe ich ein Buch mit dem Titel "Digital lesen – was sonst?" geschrieben. Der Zusatz "was sonst?" war damals bewusst provokant gewählt, weil ich mich an der Pauschalkritik des Bildschirmlesens nicht beteiligen wollte. Heute sehe ich, wie sich die Diskussion verschiebt. Die entscheidende Frage ist nicht mehr Papier oder Bildschirm, sondern Lesen oder Nichtlesen. Es lohnt sich, diese Entwicklungen aufmerksam zu beobachten – ohne in Panik zu verfallen, aber auch ohne die möglichen Veränderungen zu unterschätzen.
Lesen ist ein Schlüssel zu anderen Welten. Wenn wir in einen Text eintauchen, eröffnet uns Lesen neue Perspektiven: Es vermittelt Wissen und Erkenntnisse, trägt zur Bildung bei und ermöglicht persönliche Erfahrungen. Gerade literarische Texte zeigen das besonders deutlich. Sie lassen uns an Erlebnissen und Lebenswelten teilhaben, die wir selbst vielleicht nie erfahren würden. Natürlich können wir auch durch Zuhören oder durch bewegte Bilder Erfahrungen sammeln. Aber Lesen hat eine besondere Qualität, weil es die Fantasie und die eigene Vorstellungskraft stark anregt. Es eröffnet neue gedankliche Räume und ermöglicht eine intensive Auseinandersetzung mit Inhalten.
Man kann es auch umgekehrt formulieren: Wenn jemand nicht lesen kann oder will, bleibt ihm sehr viel verschlossen, sowohl an Erfahrungen als auch an Möglichkeiten, die Welt zu verstehen und an ihr teilzuhaben. Deshalb ist ein Mindestmaß an Lesekompetenz nicht nur für die individuelle Entwicklung wichtig, sondern auch für den gesellschaftlichen Zusammenhalt.
SPTG: Prof. Gold, vielen Dank für das Interview.