Förderlinie Psychische Gesundheit

Eine Aufgabe
für die Stadt­gesellschaft

Interview geführt von Jasmin Schülke (Journal Frankfurt)

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Psychische Gesundheit ist eine gesellschaftliche Aufgabe, auch in Frankfurt am Main. Seit 2023 unterstützt die Stiftung Polytechnische Gesellschaft deshalb gezielt gemeinnützige Projekte, die Prävention, Aufklärung, Resilienz und niedrigschwellige Hilfen stärken. Mehr als 50 Projekte wurden seither mit insgesamt rund 500.000 Euro gefördert. Seit 2026 richtet die Stiftung den Blick verstärkt auf die digitale Lebenswelt junger Menschen: Unter dem Schwerpunkt "Social Media, Medienkompetenz und psychische Gesundheit" geht es darum, Kinder und Jugendliche zu einem selbstbestimmten und gesunden Umgang mit sozialen Medien zu befähigen und zugleich Eltern, Familien und pädagogische Fachkräfte zu stärken. Im Interview spricht Dr. Christina Braun, Projektleiterin im Förderbereich der Stiftung Polytechnische Gesellschaft, darüber, wie es um die psychische Gesundheit in Frankfurt bestellt ist und was eine "gesunde Stadt" aus ihrer Sicht ausmacht.

Jasmin Schülke: Frau Braun, wie ist es um die psychische Gesundheit in Frankfurt bestellt?

Dr. Christina Braun: Ich würde die Lage nicht pauschal als gut oder schlecht beschreiben. Frankfurt ist eine lebendige, vielfältige Stadt, in der viele Menschen Verantwortung übernehmen und das Zusammenleben aktiv mitgestalten. Aber wie in vielen Großstädten zeigen sich hier gesellschaftliche Belastungen besonders verdichtet: Krisenerfahrungen, wirtschaftliche Unsicherheit, Einsamkeit, familiäre Belastungen, Zukunftssorgen oder auch, nach wie vor, die Folgen der Corona-Pandemie wirken sich auf das Wohlbefinden vor allem junger Menschen aus. Wenn man bedenkt, dass statistisch gesehen bundesweit jährlich jeder vierte bis fünfte Erwachsene eine psychische Erkrankung durchlebt, wird klar, dass wir hier über ein gesamtgesellschaftliches Thema sprechen, das auch in Frankfurt viele Menschen im Alltag betrifft.

Für uns als Stiftung ist darum entscheidend: Psychische Gesundheit ist nicht nur eine individuelle, sondern auch eine stadtgesellschaftliche Aufgabe. Eine gesunde Stadt ist für uns eine Stadt, in der Menschen an Gemeinschaft teilhaben können, soziale Beziehungen knüpfen, Unterstützung finden und Selbstwirksamkeit erleben. Genau hier setzt unsere Arbeit als Stiftung an: Wir fördern Bildung und Kompetenzen für den gesellschaftlichen Zusammenhalt — und dies ganz im Sinne unseres Leitmotivs "Wir bauen am Wir".

Mit unserer Förderlinie "Psychische Gesundheit" wollen wir Frankfurt auf dem Weg zur gesunden Stadt stärken. Seit 2023 unterstützen wir deshalb gemeinnützige Projekte, die Resilienz, Aufklärung, Prävention, Teilhabe und konkrete Hilfen für Betroffene und Angehörige fördern. Besonders wichtig ist uns dabei ein niedrigschwelliger Zugang — etwa für Kinder und Jugendliche, Familien, ältere Menschen oder Menschen in belasteten Lebenslagen. Mit dem neuen Förderschwerpunkt "Social Media, Medienkompetenz und psychische Gesundheit" nimmt die Stiftung die digitale Lebenswelt junger Menschen in den Blick und stärkt sie und ihr Umfeld im bewussten, gesunden Umgang mit sozialen Medien. Denn psychische Gesundheit braucht Beziehungen und ein Umfeld, das Halt, Zugehörigkeit und Selbstwirksamkeit ermöglicht.

Förderlinie Psychische Gesundheit

Social Media, Medienkompetenz und psychische Gesundheit

Seit 2023 fördert die Stiftung Polytechnische Gesellschaft gezielt gemeinnützige Projekte, die die psychische Gesundheit der Menschen in Frankfurt am Main stärken. Ab 2026 setzt die Förderlinie einen neuen Schwerpunkt: "Social Media, Medienkompetenz und psychische Gesundheit".

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Brücken in bestehende Hilfen

Welche konkreten Projekte oder Initiativen haben Sie bisher unterstützt, und welche Erfolge oder Learnings konnten Sie daraus ziehen?

In den vergangenen drei Jahren konnten wir mehr als 50 gemeinnützige Projekte in Frankfurt mit insgesamt etwa einer halben Million Euro unterstützen. Gefördert wurden dabei vielfältige Ansätze: Projekte zur Aufklärung und Entstigmatisierung, wie zum Beispiel die Schulangebote "Kopfsachen" oder "FLASH", Beratungsangebote für junge Menschen, wie die neu geschaffene Beratungsstelle "Ancora" für 15- bis 25-Jährige oder die "Walk-In-Sprechstunde" des Anna-Freud-Instituts, Angebote für Kinder psychisch erkrankter Eltern, psychosoziale Unterstützung für Geflüchtete (z.B. FATRA), Unterstützung für psychisch erkrankte Menschen (z.B. Frankfurter Werkgemeinschaft, Psychiatrische Fachdienste Rhein Main) sowie digitale Wegweiser, wie etwa "Between The Lines" oder die FIPPS-Plattform der Universitätsklinik Frankfurt. Hinzu kommen Selbsthilfeangebote, ehrenamtliche Initiativen, wie das Sorgentelefon Frankfurt oder die Nightline Frankfurt, und kulturelle Ansätze, etwa ein Tanzprojekt der Dresden Frankfurt Dance Company und ein Theaterangebot, das Kindern hilft, eigene Gefühle wahrzunehmen und auszudrücken (Freies Theaterhaus Frankfurt).

Als besonders ermutigend erleben wir, wenn durch die Förderung konkrete Lücken geschlossen oder Zugänge verbessert werden können: etwa durch Ancora, durch eine spezialisierte Depressionssprechstunde an der Goethe-Universität, durch eine neu eingerichtete Peerberatung (FWG), durch Angebote für Lehrkräfte und das Umfeld von Kindern und Jugendlichen (tomoni mental health) oder den FORT-Beratungsbus des Gesundheitsamtes, der aufsuchend Hilfsangebote der Stadt bekannt macht. Ein weiterer wichtiger Fortschritt ist aus unserer Sicht der enge Austausch zwischen Stadt, Versorgungssystem und zivilgesellschaftlichen Akteuren – etwa am Runden Tisch FRAME, der maßgeblich von der Crespo Foundation angestoßen wurde. Zudem sind wir Teil des Beirates des Gesundheitsamtes der Stadt Frankfurt, in den wir das Thema der psychischen Gesundheit mit eingebracht haben.

Aus den geförderten Projekten nehmen wir vor allem drei Beobachtungen mit. Erstens: Fehlende Kenntnisse und Stigmatisierung können dazu führen, dass Menschen sich erst spät Hilfe suchen und psychische Erkrankungen schwerer behandelbar sind. Daher sind Angebote im Bereich der Aufklärung, Prävention und Entstigmatisierung wichtig. Zweitens hat sich unser Blick auf Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene – auch in unseren eigenen Stiftungsprojekten – weiter geschärft. Gerade weil viele psychische Erkrankungen im Jugendalter erstmals auftreten, ist es wichtig, junge Menschen und ihr Umfeld rechtzeitig zu stärken. Drittens sehen wir immer wieder, wie entscheidend gute Zugänge sind. Frankfurt hat ein starkes Hilfesystem, aber nicht alle Betroffenen oder Angehörigen finden leicht das passende Angebot für ihre individuelle Situation. Dabei benötigt nicht jeder direkt eine Therapie, manchmal genügt auch ein niedrigschwelliges Angebot, z.B. eine Beratung, Psychoedukation oder auch ein Online-Angebot (wie z.B. Krisenchat) oder eine Selbsthilfegruppe. Wichtig sind an dieser Stelle Angebote, die im Sinne einer Lotsenfunktion Orientierung geben, niedrigschwellig erreichbar sind und Brücken in bestehende Hilfen bauen.

Auf welchen Zielgruppen liegt der Fokus Ihrer Förderlinie?

Psychische Gesundheit betrifft Menschen in allen Lebensphasen, und die Stiftung wollte mit der Einrichtung der themenbezogenen Förderlinie 2023 gemeinnützigen Trägern in Frankfurt ermöglichen, dort anzusetzen, wo sie konkrete Bedarfe sehen. Die Ausschreibung war daher offen angelegt, sodass sich Träger und Projekte mit unterschiedlichen Zielgruppen bewerben konnten.

In den vergangenen drei Jahren haben sich dann zwei Schwerpunkte besonders deutlich gezeigt. Zum einen die Zielgruppe der Kinder, Jugendlichen und ihr Umfeld. Junge Menschen sind durch Krisen, familiäre Belastungen, schulischen Druck oder digitale Lebenswelten in besonderer Weise belastet. Zudem wissen wir, dass das Jugendalter eine Phase hoher Vulnerabilität ist: 50 Prozent der psychischen Erkrankungen treten erstmals vor dem 15. Lebensjahr und 75 Prozent vor dem 25. Lebensjahr auf. Wenn es uns gelingt, rechtzeitig zu stärken, aufzuklären und zu unterstützen – in Schulen, Familien, Beratung, Jugendhilfe und im sozialen Umfeld – können wir Belastungen früher erkennen und Verläufe positiv beeinflussen.

Zum anderen nehmen wir Menschen in besonders herausfordernden Lebenslagen in den Blick, bei denen Zugänge zum Hilfesystem erschwert sind oder Versorgungslücken bestehen: etwa Geflüchtete, Angehörige, Familien mit psychisch erkrankten Elternteilen oder ältere Menschen, bei denen Einsamkeit und fehlende soziale Einbettung eine große Rolle spielen können. Die Prioritäten setzen sich also aus drei Faktoren zusammen: aus den Bedarfen in der Stadt, aus der Qualität und Wirkung der eingereichten Projekte und aus unserem strategischen Ziel, Frankfurt auf dem Weg zu einer gesunden Stadt weiter zu stärken.

Aktuell setzt die Förderlinie einen neuen Schwerpunkt auf "Social Media, Medienkompetenz und psychische Gesundheit". Was hat Sie dazu bewogen, diesen Bereich in den Mittelpunkt zu rücken, und welche konkreten Herausforderungen sehen Sie hier für Frankfurt?

Der neue Schwerpunkt ist eine konsequente Weiterentwicklung unserer Förderlinie "Psychische Gesundheit" und unseres Verständnisses von Frankfurt als gesunder Stadt. Wenn wir heute über das Aufwachsen junger Menschen und über psychische Gesundheit sprechen, müssen wir auch über digitale Räume sprechen. Soziale Medien sind fester Bestandteil ihres Alltags: Sie bieten Austausch, Zugehörigkeit, Information und Ausdrucksmöglichkeiten. Zugleich können sie Vergleichsdruck, Dauerpräsenz, Schlafprobleme, Cybermobbing, Desinformation, ein negatives Selbstbild oder suchtartige Nutzung verstärken. Genau diese Ambivalenz nehmen wir ernst.

»Wir wollen junge Menschen darin stärken, digitale Räume selbstbestimmt, reflektiert und nicht auf Kosten ihrer Gesundheit zu nutzen. Deshalb richtet sich der neue Förderschwerpunkt nicht nur an Kinder und Jugendliche, sondern auch an Eltern, Familien, Pädagoginnen und Pädagogen sowie weitere Bezugspersonen.«

Uns geht es nicht darum, soziale Medien pauschal schlechtzureden. Entscheidend ist vielmehr, junge Menschen darin zu stärken, digitale Räume selbstbestimmt, reflektiert und nicht auf Kosten ihrer Gesundheit zu nutzen. Deshalb richtet sich der neue Förderschwerpunkt nicht nur an Kinder und Jugendliche, sondern auch an Eltern, Familien, Pädagoginnen und Pädagogen sowie weitere Bezugspersonen.

Gefördert werden können Präventions-, Aufklärungs- und Bildungsangebote, Peer-to-Peer-Programme, Beratung und spezifische Therapieangebote sowie kreative und partizipative Formate zur Reflexion der eigenen Mediennutzung und zur Stärkung der "Abschaltkompetenz". Für Frankfurt sehen wir vor allem drei Herausforderungen. Erstens ist es sinnvoll, Medienkompetenz und psychische Gesundheit stärker zusammenzudenken. Zweitens brauchen Familien, Schulen und Einrichtungen der Jugendhilfe konkrete, alltagstaugliche Unterstützung, um Jugendlichen früh passende Hilfe zugänglich zu machen. Und drittens müssen wir dafür sorgen, dass digitale Kommunikation nicht zu Isolation oder Polarisierung führt, sondern in reale Beziehungen, Dialogfähigkeit und gesellschaftliche Verantwortung mündet.

Starke Netzwerke für eine gesunde Stadt

Wie arbeiten Sie mit lokalen Akteuren – z. B. Schulen, Psychotherapeuten, Sozialarbeitern oder digitalen Plattformen – zusammen, um die psychische Gesundheit in Frankfurt nachhaltig zu stärken?

Wir arbeiten vor allem mit den Akteurinnen und Akteuren zusammen, die in Frankfurt nah an den Menschen sind: mit gemeinnützigen Trägern, Schulen, Beratungsstellen, Fachstellen, dem Gesundheitswesen und der Stadt. Ein wichtiger Partner ist für uns beispielsweise tomoni mental health, die wir bei der Durchführung von Angeboten für Schülerinnen und Schüler sowie bei Fortbildungsangeboten für Lehrkräfte in Frankfurt unterstützen. Einmal im Jahr veranstalten wir zudem gemeinsam eine Veranstaltung für schulische Fachkräfte – im vergangenen Jahr zur Suizidprävention, in diesem Jahr zum Thema Sucht und der Frage, wie Schulen bestmöglich mit diesen Themen umgehen können.

Darüber hinaus verstehen wir unsere Förderarbeit nicht nur als finanzielle Unterstützung einzelner Projekte, sondern auch als Vernetzungsaufgabe. Deshalb bringen wir die von uns geförderten Frankfurter Projekte regelmäßig in moderierten Netzwerktreffen zusammen. Diese Treffen sind wichtig, um Erfahrungen auszutauschen, Synergien sichtbar zu machen und gemeinsam zu schauen, wo Angebote ineinandergreifen und Zugänge erleichtert werden können.

Gleichzeitig stehen wir im Austausch mit der Fachabteilung des Gesundheitsamts Frankfurt, den psychiatrischen Kliniken des Universitätsklinikums Frankfurt und dem Runden Tisch FraMe, an dem Stadt, Versorgungssystem und zivilgesellschaftliche Akteurinnen und Akteure zusammenkommen. Dort geht es immer auch um die Frage: Wo bestehen noch Lücken im System, wo fehlen Zugänge, und wie können wir als Stiftung gezielt dazu beitragen, psychische Gesundheit in Frankfurt nachhaltig zu stärken? Genau dieses Zusammenspiel aus Förderung, fachlichem Austausch und Vernetzung ist für uns zentral auf dem Weg zu einer gesunden Stadt Frankfurt am Main.

Wie stellen Sie sich die Entwicklung der psychischen Gesundheit in Frankfurt in den nächsten fünf bis zehn Jahren vor? Vor welchen Herausforderungen steht unsere Stadt?

Wir wünschen uns, dass psychische Gesundheit in Frankfurt noch selbstverständlicher als Teil einer gesunden Stadt verstanden wird. Frankfurt steht unter hohem Transformationsdruck: Krisen, Klimawandel, demografischer Wandel, Migration, wirtschaftliche Unsicherheiten, Digitalisierung und die Nachwirkungen der Pandemie wirken sich auf das Wohlbefinden der Menschen aus. Die Herausforderung wird sein, darauf nicht erst im Falle einer Erkrankung zu reagieren, sondern frühzeitig Resilienz, Selbstwirksamkeit und soziale Einbettung zu stärken.

Unsere Vision ist Frankfurt als gesunde, lebendige und solidarische Stadtgesellschaft: eine Stadt, in der psychische Gesundheit kein Tabuthema und psychische Erkrankungen weniger stigmatisiert sind, in der Kinder und Jugendliche früh die richtige Unterstützung finden, Familien und Bezugspersonen – an Schule und im Nachmittagsbereich – gestärkt werden, Menschen weniger einsam sind und Nachbarschaften Zusammenhalt leben und geben. Dazu gehören aus unserer Sicht eine professionelle Versorgungsstruktur ebenso wie Prävention, Aufklärung und niedrigschwellige Hilfen und Angebote, aber auch Orte der Begegnung, Teilhabe und Beteiligung. Am Ende ist unser aller großes Ziel, dass die Menschen sich als Teil dieser Stadt erleben und sich ihren Möglichkeiten entsprechend als resiliente Bürgerinnen und Bürger in die Stadtgesellschaft einbringen können.

 

Dieser Beitrag ist im August 2026 in gekürzter Form in der Online-Ausgabe des Journal Frankfurt erschienen.

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