In Krisen zeigt sich der wahre Charakter, heißt es. Wenn das stimmt, dann hat die Stiftung Polytechnische Gesellschaft in den zwanzig Jahren ihrer Existenz einen bemerkenswerten Charakter entwickelt. Denn während sich das gesellschaftliche Umfeld für zivilgesellschaftliches Engagement wandelt und neue Herausforderungen entstehen - von kritischen Fragen nach der Rolle gemeinnütziger Organisationen bis hin zu veränderten Erwartungen an gesellschaftliche Teilhabe - zeigt sich in Frankfurt eine Institution, die kontinuierlich ihre stabilisierende Kraft entfaltet.
Was als Stiftungsgründung einer traditionsreichen, unabhängigen Bürgergesellschaft begann, die sich der Förderung von Bildung, Wissenschaft und Kultur im besten aufklärerischen Sinne verschrieben hatte, ist heute zu weit mehr geworden: zu einem unverzichtbaren Baustein der demokratischen Infrastruktur einer europäischen Metropole. Diese Entwicklung ist kein Zufall. Sie ist Ausdruck eines Selbstverständnisses, das den Blick für globale Herausforderungen mit lokaler Verantwortung verbindet. Die Weiterentwicklung der polytechnischen Tradition - von der Vereinsgründung 1816 bis hin zur modernen Stiftung bürgerlichen Rechts 2005 - zeigt: In der Finanz- und Kulturmetropole Frankfurt ist bürgerschaftliches Handeln von internationalen Einflüssen geprägt und zugleich vor Ort in der Geschichte der Stadt tief verwurzelt.
Neue Rolle, neue Verantwortung
Von vielen werden Stiftungen vor allem als stille Förderer im Hintergrund angesehen. Tatsächlich sind sie auch wichtige politische Akteurinnen - nicht im parteipolitischen Sinne, sondern als gestaltende Organisationen, die sich zu den grundlegenden Werten unserer Demokratie, zu Selbstlosigkeit und ehrenamtlichen Engagement bekennen und einen Beitrag zum Gemeinwohl leisten.
Die Stiftung Polytechnische Gesellschaft ist dafür ein leuchtendes Beispiel. Ihre Projekte wie das Diesterweg-Stipendium oder der Deutschsommer sind mehr als Bildungsförderung; sie sind Bekenntnisse zu einer inklusiven, demokratischen Gesellschaft. Familien mit Migrationshintergrund werden ins soziale Miteinander eingebunden, Kinder unterschiedlicher Herkunft lernen und spielen gemeinsam. Oder das Community-Projekt "Eine Straße geht ins Konzert" mit der Alten Oper Frankfurt: Es bringt Kultur dorthin, wo Menschen leben. Gefördert werden musikalische Erlebnisse im Stadtteil - von gemeinsamen Konzertbesuchen bis hin zu eigenen Veranstaltungen vor der Haustür. In einer Zeit, in der gesellschaftlicher Zusammenhalt nicht mehr selbstverständlich ist, übernimmt die Stiftung Verantwortung für das, was Politik allein nicht leisten kann: das stete Zusammenführen unterschiedlicher Menschen, das Schaffen von Begegnungsräumen, das Investieren in Vertrauen und langfristige Beziehungen.
Frankfurt als Laboratorium und Schutzraum
Die Frankfurter Stiftungslandschaft ist einzigartig in Deutschland. Rund 600 Stiftungen sind hier beheimatet - eine Dichte, die nicht nur der wirtschaftlichen Stärke der Region geschuldet ist, sondern auch einer historisch gewachsenen Kultur des Gebens, des bürgerschaftlichen Engagements und der gesellschaftlichen Verantwortung.
Die Stiftung Polytechnische Gesellschaft nimmt in diesem Gefüge eine besondere Rolle ein: Zum einen setzt sie inhaltliche Impulse, zum anderen stellt sie wichtige Kontakte her. Ihre Offenheit für Kooperationen mit anderen - von städtischen Ämtern über andere Stiftungen bis hin zu Bildungseinrichtungen - macht sie zu einem Modell für das, was zivilgesellschaftliche Organisationen in Zeiten knapper öffentlicher Ressourcen und politischer Anfeindungen leisten können. Durch geschickte Vernetzung entsteht aus begrenzten Mitteln maximale Wirkung.
Im Gespräch bleiben
Die größte Aufgabe für Stiftungen wie die Polytechnische liegt heute daher auch darin, ihre Rolle als Brückenbauerinnen weiterhin selbstbewusst wahrzunehmen - mit klarer Haltung, aber auch mit ausgestreckter Hand. In der Frankfurter Stadtgesellschaft, deren Vielfalt prägend und schützenswert ist, geht es darum, Räume für Gespräch und Begegnung über alle vermeintlichen Grenzen hinweg offen zu halten.
Dem zurzeit immer wieder erhobenen Vorwurf, zivilgesellschaftliche Organisationen würden sich "zu stark in die Politik einmischen" und dabei ihre angebliche Pflicht zu politischer Neutralität verletzen, liegt ein Denkfehler zugrunde. Denn für die politische Willensbildung sind in unserem Land nicht allein die Parteien zuständig. Sie wirken hier lediglich mit, haben aber kein Monopol. Der Prozess der politischen Willensbildung wurzelt vielmehr tief in der Gesellschaft. Zivilgesellschaftliche Organisationen haben hier als Grundrechtsträgerinnen explizit ein politisches Mandat - sie sollen die res publica aktiv mitgestalten und neben anderem eine wichtige Mittler- und Wächteraufgabe übernehmen, gerade in Zeiten, in denen klassische Kontrollinstrumente an ihre Grenzen stoßen.
Die Stiftung Polytechnische Gesellschaft handelt in diesem Sinne. Ihre Projekte entstehen nicht im stillen Kämmerlein, sondern in enger Abstimmung mit den Betroffenen und Partnern. Die Stiftung fördert nicht von oben herab, sondern wendet sich Menschen und ihren individuellen Biografien zu. Und sie versteht ihre Rolle als zeitlich begrenzt: Erfolgreiche Ansätze wie das Diesterweg-Stipendium, die auch von anderen Städten aufgegriffen wurden, sollen langfristig in Regelstrukturen überführt werden.
Stabilität als demokratischer Auftrag
Was die Polytechnische in zwanzig Jahren für Frankfurt geleistet hat, lässt sich nicht nur in Zahlen messen - auch wenn diese beeindruckend sind. Wichtiger ist die schwer quantifizierbare Wirkung: das Vertrauen, das zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft entstanden ist, die Netzwerke, die über Projektlaufzeiten hinaus bestehen, die Haltungen, die sich verändert haben.
In einer Zeit, in der Populisten die Spaltung der Gesellschaft vorantreiben und demokratische Institutionen systematisch diskreditiert werden, ist diese vertrauensbildende Arbeit von unschätzbarem Wert. Stiftungen wie die Polytechnische sind Stabilitätsanker in bewegten Zeiten. Sie verkörpern Kontinuität, wo Politik in Wahlzyklen denkt. Sie investieren in Beziehungen, wo andere auf schnelle Erfolge setzen. Sie öffnen Türen, wo andere Mauern errichten. So verstanden ist diese "soft power" der Stiftungen kein Luxus, sondern eine demokratische Notwendigkeit.
Blick nach vorn: Widerstand und Weiterentwicklung
In den nächsten Jahren wird der gesellschaftliche und politische Druck auf die Zivilgesellschaft eher zu- als abnehmen. Umso wichtiger ist es, dass Institutionen wie die Stiftung Polytechnische Gesellschaft ihre Rolle als demokratische Akteure bewusst annehmen, sich weiterentwickeln und sich gleichzeitig auch immer wieder kritisch reflektieren.
Das bedeutet nicht, sich zu politisieren im Sinne einer Parteinahme. Es bedeutet, die eigene gesellschaftliche Verantwortung zu erkennen und diese zu artikulieren. Es bedeutet, Stellung zu beziehen für die Werte, die das Fundament unserer Demokratie bilden: Vielfalt, Toleranz, Teilhabe. Frankfurt kann stolz sein auf seine Stiftungslandschaft und auf die Stiftung Polytechnische Gesellschaft als eine ihrer prägenden Kräfte. Nie hat unser Gemeinwesen Institutionen wie sie dringender gebraucht als jetzt.
Über die Autorin
Friederike v. Bünau ist seit September 2023 als Generalsekretärin des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen tätig. Zuvor war sie mehr als 15 Jahre Geschäftsführerin der Kulturstiftung der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau. Dort initiierte und förderte sie vielfältige Projekte im Dialog von Kirche und Gesellschaft. Schwerpunkte waren das Gespräch mit Kunst- und Kulturschaffenden, Bildungsprogramme für junge Menschen und der Anstoß von Debatten zu Themen der Gegenwart.
Friederike v. Bünau studierte Wirtschaftswissenschaften und arbeitete für die Deutsche Lufthansa und die Deutsche Bank im In- und Ausland. 2011 erschien von ihr im Kerber Verlag “Jenny Holzer: For Frankfurt“. 2017 folgte – ebenfalls in ihrer Herausgeberschaft – „95 Anschläge. Thesen für die Zukunft“ im S. Fischer Verlag. Vor ihrer hauptamtlichen Tätigkeit für den Bundesverband Deutscher Stiftungen war Friederike v. Bünau bereits seit 2018 ehrenamtliches Mitglied im Vorstand des Verbandes, von 2020 bis 2023 als Vorsitzende. Zuvor war sie zwei Jahre im Beirat aktiv und leitete von 2012 bis 2021 den Arbeitskreis „Frauen und Stiftungen“. Friederike v. Bünau ist Mitglied im Stiftungsrat der Deutschen Stiftung für Engagement und Ehrenamt, des Deutschen Stiftungszentrums sowie Mentorin im Programm „Lead ME“ der Deutschlandstiftung Integration.