Rückblick auf das Jubiläumsfestival

Ein "mega" Wochenende

06. November 2025, von Johanna Schwanitz und Rainer Schulze

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Mit einem dreitägigen Jubiläumsfestival auf dem Opernplatz feiert die Stiftung Polytechnische Gesellschaft ihren 20. Geburtstag. Die Frankfurter kommen in Scharen und feiern eine Institution, die die Bewohner der Stadt stärker und klüger macht.

Der Frankfurter Opernplatz ähnelt an diesem Spätsommerwochenende einem kleinen Dorf. An Ständen gibt es Speisen und Getränke, in Zelten und Pavillons können Kinder und Erwachsene basteln, experimentieren und werkeln, und im "Dorfzentrum" in der Mitte steht unter einem prächtigen weißen Schirm eine große Bühne. An diesem Wochenende feiert "ein Player, der es liebt, andere anzuspornen", wie die Moderatorin Bärbel Schäfer am Freitagabend zur Eröffnung sagt, Geburtstag. Die Stiftung Polytechnische Gesellschaft wird 20 Jahre alt.

Seit 20 Jahren fördert die Stiftung die vielfältigen Talente und Fähigkeiten der Frankfurter mit ebenso vielfältigen Projekten. Und die Frankfurter kommen in Scharen zur dreitägigen Party auf den Opernplatz, um mitzufeiern. Schon am Freitag ist es voll, und auch am Samstag herrscht bei schönstem Geburtstagswetter ein buntes Treiben.

Die eigenen Fähigkeiten und Interessen können die Besucher an den vielen Mitmachständen ausprobieren, die von den Kooperationspartnern der Stiftung betrieben werden. Bei der Handwerkskammer kann man bohren, sägen und schleifen. Das Museum Experiminta zeigt mit einem Drehstuhl und zwei Hanteln, wie der Impulserhaltungssatz wirkt. Am Stand des Senckenberg-Naturmuseums lassen sich unter einem Mikroskop die Haare an den Beinen einer Vogelspinne beobachten. Und eine blinde Frau mit nur noch zwei Prozent Sehfähigkeit führt Kinder mit verbundenen Augen und Blindenstock durch einen Parcours.

Tim Läufer hat die Ruhe weg. Der Doktorand der Goethe-Uni hat an diesem Wochenende schon zigmal erklärt, wie ein 3D-Drucker funktioniert. Aber das lässt er sich nicht anmerken. Mit Engelsgeduld setzt sich Läufer vor den Laptop und erklärt Kindern, wie sie die geometrischen Körper auf dem Bildschirm anordnen müssen, damit ein Namensschild entsteht. Denn alle Hannas, Noras, Joels und Kasis, die in dem Pavillon ein- und ausgehen, wollen natürlich ein selbst gedrucktes Stück Hartplastik mit ihrem Namen als Souvenir mit nach Hause nehmen. Wer weiß? Vielleicht wird der eine oder andere von ihnen ja einmal am "Digitechnikum" für junge Talente teilnehmen, das die Stiftung gemeinsam mit dem Uni-Institut für Didaktik der Mathematik und Informatik anbietet.

An den Mitmachständen auf dem Opernplatz lässt sich im Kleinen beobachten, wie die Stiftung im Großen wirkt. Sie weckt und fördert Interessen und macht die einzelnen Menschen schlauer und stärker, damit sie ihre Fähigkeiten in die Gesellschaft einbringen können. Das Engagement der Stiftung stehe seit zwei Jahrzehnten für Verantwortung, gelebte Solidarität und "ein tiefes Vertrauen in die Kraft der Gemeinschaft", sagt Frankfurts Oberbürgermeister Mike Josef (SPD) in der Feststunde am Freitagabend. Seit ihrer Gründung habe die Stiftung eindrucksvoll bewiesen, wie viel erreicht werden könne, wenn Menschen sich mit "Herz, Verstand und Ausdauer für andere Menschen und für unsere Stadt einsetzen".

Programme der Stiftung Polytechnische Gesellschaft wie der Deutschsommer, das Diesterweg-Stipendium oder auch die Straßen-Uni für Obdachlose widmen sich der Bildung und Persönlichkeitsentwicklung des Einzelnen, sie fördern die gesellschaftliche Teilhabe und das zivilgesellschaftliche Engagement. "Denn wir alle brauchen mal jemanden, der sagt: Ich glaube an dich", sagt Schäfer.

Durch die Arbeit der Stiftung sei die Stadt zu einem besseren Ort geworden, findet Josef. Analina Pitel, eine Alumna der Stiftung, nimmt an einer Talkrunde auf der Bühne teil und kann das bestätigen. Sie sagt, die Stiftung trage dazu bei, dass die Menschen in Frankfurt nicht nur koexistieren, sondern miteinander leben. "Die Stiftung schafft Räume, um sich zu vernetzen." Pitel findet: Es müssen Menschen zusammenkommen, die auch verschiedene Meinungen haben. So werde eine Stadt erst lebenswert.

"Wir brauchen eine starke Zivilgesellschaft stärker denn je", sagt Josef. Frankfurt sei eine Stadt der Chancen, der Potentiale und der Talente. Die stolzen Bürger Frankfurts hätten sich immer wieder selbst geholfen, auch deshalb sei Frankfurt die heimliche Hauptstadt der Stiftungen. "Das trägt unsere Stadt, und auf dieses starke Fundament können wir uns immer verlassen." Die Stadt schaffe es immer wieder, diese Potentiale zu entdecken und auch zu nutzen. "Sie steht für ein Versprechen, aufzusteigen und Teil dieser Stadt zu sein, egal wo man herkommt."

Sara Galab hat ebenfalls an vielen Projekten der Stiftung teilgenommen und am eigenen Leib erfahren, dass Frankfurt viele Chancen bietet. Aber sie sagt auch: "Nicht jeder hat die gleichen Chancen." Viele junge Menschen wüssten noch nichts von der Stiftung und den Angeboten für Kinder und Jugendliche. "Man sollte versuchen, sie auch abzuholen", sagt sie. "Denn sie gehören auch zu uns."

Die Stiftung Polytechnische Gesellschaft begleitet die Menschen, die an ihren Programmen teilnehmen, weit über die eigentliche Stipendiatenzeit hinaus. Galab und Pitel haben schon als Kinder an den Programmen der Stiftung teilgenommen, angefangen mit dem Deutschsommer und dem Diesterweg-Stipendium. Die beiden studieren mittlerweile und setzen sich nun selbst für die Stiftung und deren neue Stipendiaten ein. Solche Geschichten machen Josef Mut, sie geben ihm Zuversicht und Hoffnung, wie er sagt. "Das brauche ich in dieser Zeit." Es sei wichtig, den jungen Menschen zu sagen: "Ihr habt einen festen Platz in dieser Stadt. Und wir unterstützen euch und schauen nicht nur zu."

Frankfurt sei eine Stadt des Miteinanders, sagt Frank Dievernich, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Polytechnische Gesellschaft. Deshalb feiere die Stiftung ein ganzes Wochenende lang die Bewohner der Stadt. "Und das nicht irgendwo hinter verschlossenen Türen, sondern auf dem Opernplatz, unserem Wohnzimmer, im Herzen der Stadt, offen für alle." Damit ehre die Stiftung eine aktive Zivilgemeinschaft, gemeinnützige Organisationen, das Ehrenamt sowie Menschen und Institutionen, die am Zusammenhalt der Gesellschaft arbeiten. "Jeden Tag aufs Neue, damit unser Zusammenhalt gelingt." Die Zukunft brauche keine Angst zu machen. Sie sei gestalt- und machbar, sagt Dievernich. "Diese Zuversicht ist Teil unserer polytechnischen DNA." Polytechnisch seien auch der Einsatz der Hände und das Handwerk. Denn das vermittele, dass der Mensch viel mehr Fähigkeiten besitze, als er nutze. An diesem Geburtstagswochenende würdige die Stiftung auch diejenigen, die Frankfurt sozial gestalten und Familien begleiten, "sodass der Kern unserer Gesellschaft stabil und niemand auf der Strecke bleibt".

Wie vielfältig diese Stadt ist, zeigt auch das Bühnenprogramm, das Höhepunkte aus Musik, Sport, Akrobatik und Show vereint. Am sonnigen Samstagnachmittag zum Beispiel taucht die Frankfurter Singer-Songwriterin Julie Kuhl den Opernplatz in eine sehr entspannte Spätsommerstimmung. Schüler tragen in einem Poetry-Slam eigene Texte über Krieg und Frieden vor. Und selbst am Sonntag verschonen die grauen Regenwolken am Himmel das Fest überwiegend. Oliver Beddies, Abteilungsleiter der Stiftung, prägt das Wort des Wochenendes: "mega". Auf die Stimmung auf dem Opernplatz trifft es zu.

Die Stiftung will der Stadt und ihren Bewohnern zu ihrem Geburtstag noch ein Geschenk machen. Dievernich und Stefanie Benecke, stellvertretende Leiterin des Förderbereichs der Stiftung, überreichen Josef deshalb als "oberstem Bürger", wie Dievernich es ausdrückt, etwas, "das noch fehlt und wirkt": den Frankfurter Miteinander-Fonds, mit dem unbürokratisch und unkompliziert Ideen und Vorhaben gefördert werden, die lokales und bürgerschaftliches Engagement stärken. Privatpersonen, Initiativen und gemeinnützige Organisationen können sich über ein Onlineformular bewerben und bis zu 500 Euro für die Realisierung ihrer Idee erhalten, etwa für ein Nachbarschaftsfest oder die Bepflanzung eines Grünstreifens, erklärt Benecke. Einzige Voraussetzung: Das Projekt müsse in Frankfurt stattfinden und dem Gemeinwohl dienen.

Der Fonds unterstreiche die Arbeit der Stiftung, sagt Josef. Sie schenke der Stadt nicht nur ein Jubiläumsfest, sondern auch etwas Nachhaltiges, wovon auch die Bürger profitierten. "Ihr babbelt nicht nur, ihr handelt", sagt Josef.

Dieser Artikel erschien ursprünglich in der F.A.Z., 22.09.2025, Nr. 220, Rhein-Main-Zeitung, S. 3. © Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv. Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der F.A.Z.